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20 Jahre Johannes-Rau-Stipendiatenprogramm

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Eine Broschüre des Pädagogischen Austauschdienstes. Kostenlos erhältlich im Webshop www.kmk-pad.org/shop

Ein kleiner grüner

Ein kleiner grüner Kaktus ‒ was kommt einem da in den Sinn? Das Lied des weltberühmten Berliner Ensembles »Comedian Harmonists«, das 1935 von den Nationalsozialisten verboten wurde. Oder die uncharmante Anspielung »Schwiegermuttersitz«. Fest steht, das dornige Gewächs kann unter harschesten Bedingungen überleben. Eines dieser symbolträchtigen Exemplare hat es aus der israelischen Wüste ins Schloss Bellevue geschafft, im Gepäck von Shir Meir Lador. Die heute 34-Jährige lacht, wenn sie sich an das Gastgeschenk für den damaligen Bundespräsidenten und Namensgeber ihres Stipendiums erinnert. »Der Kaktus war eins von mehreren Mitbringseln, die ›Israel in sechs Sinnen‹ repräsentieren sollten«, erklärt sie. Gewürze für die Geschmacksknospen, eine Muschel für die Illusion von Meeresrauschen und der Kaktus als Tastherausforderung. Vermutlich hatte der humorvolle Israelfreund Johannes Rau seine Freude an den originellen Präsenten. Klischees hinterfragen Dass ihr Gast die Chuzpe hatte, dem Bundespräsidenten so unbefangen zu begegnen, beeindruckte Yamina Veloso Kittel. »Shir ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, eine Powerfrau, die weiß, was sie will«, beschreibt sie ihre Freundin. Die beiden Teenager mit einer Vorliebe für Naturwissenschaften und Musik verstanden sich auf Anhieb. Als positiven Kulturschock erlebte Shir die erste Begegnung mit ihrer Gastfamilie. »Sie war so anders, als ich mir die Deutschen vorgestellt hatte, warmherzig, witzig und kein bisschen steif«, erzählt sie. Ihr Großvater, der den Holocaust überlebt hatte, unterstützte ihre Reise. Als Yamina ihn in Israel traf, war sie überwältigt von seiner Herzlichkeit: »Anfangs dachte ich, dass ich mich als Deutsche bei ihm entschuldigen müsste. Doch das war nie ein Thema, nicht bei seiner Generation und schon gar nicht bei den Jungen.« Sich der Vergangenheit stellen Doch Shir stellte ihrer Freundin auch heikle Fragen: »Ich wollte wissen, was ihre Großeltern damals gemacht haben. Es war eine Herausforderung, darüber zu reden, aber ich bin froh, dass ich es getan habe«, erinnert Yamina sich. Yamina Veloso Kittel ging offen mit dem Thema um. Ihre Großmutter mütterlicherseits war Mitglied im »Bund deutscher Mädel«, dem weiblichen Zweig der Hitlerjugend. »Sie war 17 und hat enthusiastisch mitgemacht. Später war sie entsetzt über sich, aber auch wütend, dass man sie so benutzt hatte«, erzählt sie. Yamina fragte sich, ob sie selbst den Mut gehabt hätte, little green cactus – to what does that remind us? To the song by the world famous A Berlin ensemble ‘The Comedian Harmonists’ which was banned by the National Socialists in 1935. Or to the less charming allusion of ‘a seat for mother-in-law’. Fact is, this thorny plant is capable of survival even under the harshest conditions. One of these highly symbolic exemplars made it from the Israeli desert to Schloss Bellevue, as part of Shir Meir Ladon's luggage. The today 34-years-old starts laughing when she remembers her gif t to the then Federal President and name giver of her scholarship. ‘The cactus was one out of several gif ts which were supposed to represent ›Israel by six senses‹’, she explains. Spices for taste, a shell for the illusion of the sound of the sea, and the cactus as a challenge for the sense of touch. Probably Johannes Rau, this humorous friend of Israel, was delighted by these witty presents. Challenging clichés That her guest had the guts to face the Federal President in such an uninhibited way was something which impressed Yamina Veloso Kittel. ‘Shir is an extraordinary character, a power woman who knows what she wants’, she describes her friend. The two teenagers with a preference for the natural sciences and music got along with each other immediately. Shir experienced her first encounter with her host family as a cultural shock in the positive sense. ‘They were so much dif ferent from how I had imagined Germans, so af fectionate, funny, and not at all starched’, she tells. Her grandfather, a survivor of the Holocaust, supported her trip. When Yamina met him in Israel, she was overwhelmed by his warmness: ‘Initially I thought, being a German, I should apologize to him. But that was never a topic, not for his generation, and even less among the young.’ Facing the past But Shir also asked her friend some awkward questions: ‘I wanted to know what her grandparents had been doing in those days. Talking about this was a challenge, but I'm glad I did’, she remembers. Yamina Veloso Kittel was open-minded towards the issue. Her mother's mother had been a member of ‘Bund deutscher Mädel’, the girls branch of the Hitler Youth. ‘She was 17 and full of enthusiasm. Later she was horrified, but also angry about having been abused this way’, she tells. Yamina asked herself if she would have been courageous enough to oppose the Nazi regime. During their joint visit to the Holocaust memorial in Berlin, her friend Shir gave her an answer which moved her to tears: ‘You would have hid me.’ This unswerving mutual trust is the foundation of their long-standing friendship. Shir Meir Lador has frequently come to Germany, and for Yamina 24

2003 »Ich betrachte Shir als eine meiner engsten Freundinnen. Wir teilten die letzten Schuljahre, das verrückte Universitätsleben, die ersten Jobs, Tragödien und glückliche Ereignisse wie unsere Hochzeiten und die Geburten unserer Kinder.« ‘Iconsider Shir one of my closest friends. We used to share the last years at school, the crazy university life, the first jobs, tragedies, and happy events such as our weddings and the births of our children.’ Yamina Veloso Kittel sich gegen das Naziregime zu stellen. Ihre Freundin Shir gab ihr beim gemeinsamen Besuch der Berliner Holocaustgedenkstätte eine Antwort, die sie zu Tränen rührte: »Du hättest mich versteckt.« Dieses unerschütterliche Vertrauen zueinander ist die Basis ihrer langjährigen Freundschaft. Shir Meir Lador ist immer wieder nach Deutschland gereist und für Yamina Veloso Kittel ist Israel eine zweite Heimat geworden. Eine Geschichte, die Johannes Rau sicher gefallen hätte. In seiner Rede vor dem israelischen Parlament, der Knesset, während seines Staatsbesuchs im Februar 2000 betonte er: »Wenn wir der Jugend die Erinnerung weitergeben und sie zu Begegnungen ermutigen, dann brauchen wir uns um die Zukunft der Beziehungen zwischen Israel und Deutschland nicht zu sorgen.« Manch großartige Begegnung beginnt mit einem kleinen grünen Kaktus. Veloso Kittel Israel has become a second home. This is a story Johannes Rau would certainly have liked. During his speech to the Israeli parliament, the Knesset, in the course of his state visit of February, 2000, he emphasized: ‘If we pass the memories on to our young people and encourage them to meet each other, then there will be no reason to worry about the future relations between Israel and Germany.’ Many a great encounter starts with a little green cactus. Die Stipendiatinnen Yamina Veloso Kittel, Jahrgang 1985, wuchs in Weil der Stadt (Baden-Württemberg) in der Nähe von Stuttgart auf. Sie studierte Medizin in Nürnberg und praktiziert heute als Assistenzärztin für Allgemeinmedizin in Eggolsheim (Bayern). Mit ihrem Mann und den beiden Töchtern lebt sie in Erlangen. Sie ist musikbegeistert und spielt Geige. 2003 nahm sie als Gastgeberin am Programm teil. Yamina Veloso Kittel, born 1985, grew up in Weil der Stadt (Baden-Württemberg) near Stuttgart. She studied medicine in Nuremberg and today works as an assistant general practitioner in Eggolsheim (Bavaria). She lives in Erlangen with her husband and their two daughters. She is a music enthusiast and plays the violin. In 2003 she participated in the Programme as a host. The scholarship holders Shir Meir Lador, Jahrgang 1986, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Givat Shmuel im Großraum Tel Aviv. Sie studierte Elektrotechnik in Beersheba und arbeitet für ein amerikanisches Hightechunternehmen in ihrem Fachgebiet Künstliche Intelligenz. Heute lebt sie mit ihrem Mann und drei Kindern wieder in ihrer Heimatstadt. Sie reist leidenschaftlich gerne, ist Outdoorfan und spielt neben Klavier auch Gitarre und Ukulele. 2003 war sie zu Gast in der Familie Kittel. Shir Meir Lador, born 1986, spent her childhood and youth at Givat Shmuel in the greater area of Tel Aviv. She studied electrical engineering in Beersheba and works for a US American high-tech enterprise in her professional discipline of A.I. Today, together with her husband and three children she lives in her home town again. She is a passionate traveller, an outdoor fan, and apart from the piano she also plays the guitar and the ukulele. 25

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