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20 Jahre Johannes-Rau-Stipendiatenprogramm

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Eine Broschüre des Pädagogischen Austauschdienstes. Kostenlos erhältlich im Webshop www.kmk-pad.org/shop

2019

2019 Welchen Einf luss hatte das Attentat in Ihrer Heimatstadt Halle auf die deutsch-israelischen Begegnungen? Ich war noch immer von dem Anschlag erschüttert und wollte meinem Gast, Nico, zeigen, wie unsere Stadt wirklich ist. Es herrschte eine unglaubliche Solidarität, die Hallenser organisierten Gedenkveranstaltungen und zündeten Kerzen vor der Synagoge an. Auch ich war mit Nico zwei Mal dort und wir haben viel über das Ereignis geredet. Mein Anspruch war, ihm zu vermitteln, dass wir wegen unserer Geschichte eine besondere Verantwortung haben und versuchen werden, antisemitische und fremdenfeindliche Anschläge künftig zu verhindern. Wenn er vom Attentat nur aus den Nachrichten erfahren hätte, weiß ich nicht, ob er sich das ganze Bild hätte machen können und unseren Schmerz verstanden hätte. Warum haben Sie sich als Gastgeber beworben? Zunächst habe ich gehadert, denn im Oktober 2019 steckte ich mitten in Prüfungsvorbereitungen. Dann aber habe ich darüber nachgedacht, wie ich in fünf oder zehn Jahren darauf zurückblicken würde. Wäre es mir wichtiger, diese Erfahrung gemacht zu haben oder die Prüfungsphase gut durchgestanden zu haben? Ich habe mich dann dazu entschlossen, weil ich neue Erfahrungen machen wollte, die mich persönlich weiterbringen. Und das war ein großer Glücksfall. In which ways did the assassination in Halle influence the German-Israeli encounters? I was still shocked by the assassination, and I wanted to show my guest, Nico, what our city is really like. There was incredible solidarity, the people from Halle organised memorial events and lit candles in front of the synagogue. I was there two times with Nico, and we talked much about what had happened. My aspiration was to communicate to him that because of our history we have got a particular degree of responsibility and that we are going to try to prevent anti-Semitic and xenophobe assassinations in the future. Had he heard of the assassination simply in the news, I don't know if he would have been able to get the full picture and would have understood our grief. Why did you apply for being a host? At first I was somewhat at odds, for in October, 2019, I was up to my neck in preparations for my exams. But then I thought about how I would look back to the situation five or ten years later. What would be more important for me, to have made this experience or to have passed my exams? Then I decided to apply because I wanted to make new experiences which would be a personal gain. And that was a great piece of luck. Gastgeber trotz Prüfungsvorbereitungen: Arne und sein Gast Nico. A host despite preparing for his final exams: Arne and his guest, Nico. Der Gastgeber The host Arne Helzel, Jahrgang 2001, wuchs in Halle (Saale) auf. Nach seinem Abitur 2020 engagierte er sich mit dem Freiwilligendienst »kulturweit« der Deutschen UNESCO-Kommission an einem Gymnasium in Kroatien. Sein Studienwunsch ist Internationale Beziehungen. 2019 war er Gastgeber für einen Johannes-Rau-Stipendiaten. Arne Hetzel, On October 9th, 2019, a right-wing extremist attempted to intrude the synagogue of Halle (Saale). His attempt was a failure, but he shot two people. A few days later that year's exchange with Israel started. For Halle host Arne Hetzel it was an encounter fraught with tension. In which ways did the Programme influence your private and professional life? Then I was in the 12th form and considering my professional future. I was interested in international relations, but I didn't know if it would be the right thing for me and if I would be good enough for it. Nico with his optimism encouraged me to just try out things. And Galiya, another Israeli participant, raised my enthusiasm with conflict research. Even my volunteer's service in Croatia with ‘kulturweit’ is a result of the Johannes-Rau- Scholarship. The organiser of the project, Julia Lehmler, gave me the idea. All of them triggered some rethinking I benefit from still today. In which ways did the Programme influence your further dealings with the German-Israeli relations? I knew about the historical facts of the Shoah, several times I had been to the sites of concentration camps with my school or my parents, and I had been dealing with the causes of National 46

Wie hat das Programm Ihren privaten und beruf lichen Werdegang beeinf lusst? Ich war damals in der 12. Klasse und habe über meine beruf liche Zukunft nachgedacht. Internationale Beziehungen haben mich interessiert, aber ich wusste nicht, ob es das Richtige ist und ich gut genug sein würde. Nico hat mich mit seinem Optimismus dazu ermutigt, Dinge einfach einmal auszuprobieren. Und Galiya, eine andere israelische Teilnehmerin, hat mich für Konf liktstudien begeistert. Selbst meinen anschließenden Freiwilligendienst mit »kulturweit« in Kroatien verdanke ich dem Johannes-Rau- Stipendiatenprogramm. Die Projektorganisatorin, Julia Lehmler, hat mich auf die Idee gebracht. Sie alle haben ein Umdenken bei mir angestoßen, von dem ich bis heute profitiere. Socialism. However, how little I knew about Israel and her people I came to know only by way of the exchange. In the course of many discussions I have learned that it is okay to keep a critical distance to Israel's policy without betraying history. Today my idea of the country is varied. To fill my knowledge gaps I would like to go to Israel and perhaps even to live there for a time. What do you appreciate particularly with the Programme? There are things textbooks don't tell. Nico's grandparents come from dif ferent countries and were persecuted because of their Jewish origins. I found it very touching to be told about these fates. This is dif ferent from just reading about it, going to a museum, or watching documentaries. For me, the exchange made history alive. Erst of fiziell, dann informell: Nico beim Tref fen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Bild links) und am Brandenburger Tor (Bild unten). At first of ficially, then informally: Nico during the meeting with Federal President Frank-Walter Steinmeier (photo on the lef t) and at the Brandenburger Tor (photo below). Wie hat sich das Programm auf Ihre weitere Beschäf tigung mit den deutsch-israelischen Beziehungen ausgewirkt? Ich kannte die historischen Tatsachen der Schoah, mehrere Male habe ich mit der Schule oder meiner Familie Konzentrationslager besucht und mich mit den Ursachen des Nationalsozialismus beschäftigt. Doch wie wenig ich über Israel und seine Menschen wusste, habe ich erst durch den Austausch erfahren. In vielen intensiven Diskussionen habe ich gelernt, dass es auch in Ordnung ist, eine kritische Distanz zur israelischen Politik einzunehmen, ohne damit Verrat an der Geschichte zu üben. Heute habe ich ein vielschichtiges Bild von dem Land. Um Wissenslücken zu füllen, möchte ich nach Israel reisen und vielleicht sogar eine Weile dort leben. Was schätzen Sie besonders an dem Programm? Es gibt Dinge, die Lehrbücher nicht vermitteln können. Nico hat Großeltern aus verschiedenen Ländern, die wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurden. Über diese Schicksale von ihm zu hören, fand ich sehr berührend. Es ist etwas anderes, als darüber zu lesen, ins Museum zu gehen oder Dokumentationen anzusehen. Der Austausch hat für mich Geschichte lebendig gemacht. 47

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