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Austausch bildet 2015

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In der zweiten Ausgabe 2015 lesen Sie im Schwerpunkt "Austausch mit Afrika" Beiträge über Erfahrungen aus der Bildungszusammenarbeit mit afrikanischen Staaten. Weitere Themen sind u. a. der Schüleraustausch über Erasmus+, ökonomische Bildung mit eTwinning und der interkulturelle Austausch mit China.

Erfahrungen 27 »Wie

Erfahrungen 27 »Wie viele Kinder austausch bildet passen in ein Auto?« Früher hatten viele Berliner Erzieherinnen und Erzieher das unbehagliche Gefühl, Kindern Projekte überzustülpen. Heute fragen sie so lange nach, bis sie wissen, was die Kinder interessiert, welche Fragen sie haben und wie sie sich einbringen können. Ein Projekt im Rahmen einer COMENIUS-Regio-Partnerschaft zwischen Berlin und Poznan gab dazu wichtige Impulse. von arnd zickgraf W enn Erzieherinnen der Kita »Sausewind« in Berlin früher die Interessen der Kinder aufgriffen, konnte es passieren, dass aus einem Hausbrand in der Nähe flugs ein Projekt über die Feuerwehr wurde. Das Interesse an der Feuerwehr wurde zum Gegenstand des Projekts und weniger die Beziehung der Kinder zu dem eigentlichen Ereignis. Heute würden die Erzieherinnen so nicht mehr vorgehen. »Wird ein Projekt von außen aufgesetzt, mag es drei Kinder interessieren, doch der Rest macht nicht mit«, sagt Bianca Parschau, die »Kinder in Bewegung« (KiB) koordiniert, den Kita-Träger des Landessportbundes Berlin, in dem 21 Einrichtungen zusammengeschlossen sind. Als sie jüngst von einem Brand in einer benachbarten Kita erfuhren, der die Kinder beschäftigte, hörten die Erzieherinnen ihnen so lange zu, bis die Idee für das Projekt »Es brennt – was passiert, wenn alles weg ist?« geboren war. Die Erzieherinnen besprachen mit den Kindern zwar auch die Arbeit der Feuerwehr und die Folgen des Brandes. Vor allem aber beschlossen die Kinder, für eine Woche alle Spielsachen wegzuräumen, um herauszufinden, wie es ist, wenn nichts mehr da ist – alle Kinder zogen diesmal mit. Möglich machte die neue Einstellung zum entdeckenden Lernen YALE: Die Abkürzung steht für »Young Children as Active LEarners exploring the/ir World«. Den Anstoß zu dem europäischen Projekt gaben die Bildungsverwaltung der polnischen Stadt Poznan und die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Gefördert wurde es zwischen 2013 und 2015 als COMENIUS-Regio-Partnerschaft im Vorläuferprogramm von Erasmus+. Ziel von YALE war es, neue Methoden der Projektarbeit auf der Grundlage entdeckenden Lernens zu finden, die sich um die Interessen der Kinder drehen. Nummerierte Kitas Mit einem interkulturellen Workshop im Oktober 2013 in Berlin startete der Austausch. Vertreterinnen und Vertreter der Senatsverwaltung, des Berliner Kita- Instituts für Qualitätsentwicklung (BeKi) und von Kindertagesstätten erhielten zunächst Informationen über Polen. »Die gesellschaftlichen und politischen Systeme sind sehr unterschiedlich und deswegen sind auch die Kitas unterschiedlich«, erklärt Dorota Nieweglowska, die am BeKi für YALE gearbeitet hat. Während in Poznan die Stadtverwaltung Trägerin der Kitas ist, werden in Berlin alle Einrichtungen von freien Trägern wie KiB geführt. Kitas in Poznan sind nummeriert, zum Beispiel »Kindergarten Nr. 46«. In Berlin heißen sie dagegen »Sausewind« oder »Löwenzahn«. In Polen, so Dorota Nieweglowska, werde der Gruppe mehr Gewicht beigemessen als dem Individuum. Das führe dazu, dass man dort in Kitas mit altershomogenen Gruppen arbeite. »So kommt es, dass Kinder in Gruppenräumen ständig begleitet werden − eine Praxis, die auf eine sehr enge Definition von Aufsichtspflicht zurückgeht«, erläutert Bianca Parschau. Geduldiges Fragen Doch geht es um Projektarbeit, lassen polnische Erzieherinnen und Erzieher den Kindern plötzlich viel Freiheit. Das konnten deutsche Erzieherinnen und Erzieher bei ihren Hospitationen in Poznan im November 2013 beobachten. Hintergrund ist ein pädagogischer Ansatz, der durch Lilian G. Katz geprägt wurde. Die amerikanische Forscherin hatte ihre neuartige Projektmethode über das Astrid-Lindgren-Institut Programm COMENIUS-Regio-Partnerschaften Projekttitel Young Children as Active LEarners exploring the/ir World (YALE) Koordinierende Einrichtungen Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Schulbehörde der Stadt Poznan Partner – »Kinder in Bewegung« gGmbH – Berliner Kita-Institut für Qualitätsentwicklung (BeKi) in der Internationalen Akademie Berlin für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie gGmbH (INA) – Instytut Małego Dziecka im. Astrid Lindgren – Institut für Kleinkindpädagogik – Verschiedene Kindertagesstätten in Berlin und Poznan Laufzeit September 2013 bis August 2015 EU-Zuschuss 35.000 € Kontakt Annette Hautumm-Grünberg annette.hautumm-gruenberg@senbjw.berlin.de nach Poznan tragen können. Die Folge: In einigen polnischen Kitas kultiviert man aktives Lernen. Bei einem Projekt zum Thema »Auto« hätten die polnischen Erzieherinnen zunächst in emsiger Fleißarbeit alle Fragen der Kinder notiert, berichtet Viola Krüger von der Kita »Sausewind« in Berlin: »Die polnischen Erzieherinnen haben detailliert, ja minutiös aufgeschrieben, was die Kinder dazu erarbeitet haben.« Dann kam nach einer Woche des Sammelns die entscheidende Frage auf: Wie viele Kinder passen in ein Auto? Es folgte ein Besuch im Autohaus. Dort durften die Jungen und Mädchen in ein Auto krabbeln – und sich nacheinander einen Sitzplatz suchen. Für die Kinder war das ein unvergessliches Erlebnis. »Uns hat nachhaltig überrascht, welch‘ großen Raum das geduldige Fragen einnimmt«, sagt Bianca Parschau. Bei ihrem Besuch in Berlin im April 2014 wiederum war die polnische Delegation erstaunt, wie frei sich Berliner Kinder bewegen dürfen – ohne sich zu verletzen. »Hier dürfen die Kinder selbst entscheiden, ob sie in Schuhen oder barfuß durch den Garten laufen«, sagt Viola Krüger. Beide Seiten können also voneinander lernen. Denn: »Berliner Kitas, die mit dem Situationsansatz arbeiten, konzentrieren sich nicht auf Sachthemen wie Autos, sondern auf gesellschaftliche Themen wie die Beziehung von Ich und Welt«, erklärt Dorota Nieweglowska. Neue Grundsätze Die unterschiedlichen Beispiele des Lernens durch Projekte in Poznan und Berlin flossen in ein 50-seitiges Handbuch ein, das die Partner als Gemeinschaftswerk entwickelt haben. »Den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, ihren Fragen zuzuhören und sie wertschätzend aufzugreifen, wird zur neuen Prämisse in Kitas«, so Mitautorin Annette Hautumm-Grünberg, die bei der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Jugend und Sport die Arbeitsgruppe Berliner Bildungsprogramm und Qualitätsentwicklung leitet. Gleichzeitig werden Berliner Familien intensiver in Projekte einbezogen, angestoßen durch gute Beispiele der Kooperation mit Eltern in Poznan. Mit Hilfe des Handbuchs ziehen die Erkenntnisse von YALE nun auch landesweit Kreise: in der alltäglichen Berliner Kita- Praxis oder bei zahlreichen Workshops zum Lernen durch Projekte. 26

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