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60 Jahre Prämienprogramm

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Die Welt zu Gast an Schulen. Seit 60 Jahren lädt der PAD ausgezeichnete Deutschschülerinnen und -schüler aus aller Welt zum Prämienprogramm ein. Alumni, Organisatoren, gastgebende Schulen und Begegnungsschüler/-innen des Internationalen Preisträgerprogramms und "Deutschland Plus" kommen zu Wort.

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60 Jahre Prämienprogramm 15 austausch bildet Sprachwitz lernen mit Jean Paul Der Schriftsteller Jean Paul war ein obsessiver Schreiber, dessen Wortspiele und Wortwitz sich nicht immer sofort erschließen. Die spanische Germanistin Miriam Llamas Ubieto empfiehlt ihn gerade deshalb zur Lektüre. von martin finkenberger, pad E ine an Bildern und Metaphern reiche Sprache, witzige und skurrile Einfälle zuhauf, dazu abschweifende und mitunter labyrinthische Handlungen, in denen geistreiche Ironie unvermittelt neben bitterer Satire und mildem Spott stehen: All das zeichnet das Werk des Schriftstellers Jean Paul (1763–1825) aus. Eben das mache ihn »zu einem der größten Sprachschöpfer der deutschen Sprache«, wenngleich seine Romane und Erzählungen oft »schwer zu lesen« sind, wie sein Biograf Helmut Pfotenhauer betont. Für Miriam Llamas Ubieto ist das dennoch kein Grund, nicht in das Werk dieses von seinen Zeitgenossen gleichermaßen hochgelobten wie herablassend behandelten Autors einzutauchen. Die 43-Jährige lehrt am Institut für Germanistik der Philologischen Fakultät der Universidad Complutense de Madrid und forscht vor allem über Literatur- und Kulturtheorien im digitalen Zeitalter. Gleichwohl empfiehlt sie ihren Studierenden, sich auch auf Entdeckungsreise durch das Œuvre eines Schriftstellers zu begeben, der vor mehr als 200 Jahren gelebt hat. Die meisten seiner heute kaum noch bekannten Romane seien zwar »zum Einstieg sehr schwierig«, räumt sie ein. Wer sich auf sie einlasse, könne jedoch »durch ihren Tiefsinn und ihren Humor« einiges »über die Mentalität der Deutschen der Gegenwart und über das Menschliche im Allgemeinen« lernen. Wie es um diese Mentalität bestellt ist, konnte Miriam Llamas Ubieto 1993 als Schülerin erstmals genauer beobachten. Zu verdanken hatte sie die Gelegenheit einer Einladung zur Teilnahme am Internationalen Preisträgerprogramm des PAD, nachdem sie zuvor im Unterricht durch ihre ausgezeichneten Deutschkenntnisse aufgefallen war. Dabei hatte der Fremdsprachenunterricht am Gymnasium Jorge Manrique in ihrer Heimatstadt Palencia (Region Kastilien und Léon) für sie als »Abenteuer ins Unbekannte« begonnen. Statt wie die meisten anderen Schülerinnen und Schüler ihres Jahrgangs alleine auf Englisch zu setzen, meldeten ihre Eltern sie auch für den Deutschunterricht an, getreu dem Motto, dass zwei Fremdsprachen bessere Zukunftsperspektiven und Berufschancen eröffnen. »Das war damals in Spanien eher ungewöhnlich«, sagt sie. Nachdem die Sprache erst kurz zuvor wieder in den Lehrplan aufgenommen worden war, gehörte Miriam Llamas Ubieto einem der ersten Abschlussjahrgänge an: »Wir haben uns immer gegenseitig motiviert«, lobt sie den außergewöhnlichen Zusammenhalt auf dem Weg dorthin. Ein Übriges taten die Zeitumstände im Epochenwinter 1989/90. »In Berlin war gerade die Mauer gefallen und uns alle faszinierten die Veränderungen dort. Deutschland galt schließlich nicht nur als ein modernes und in vielerlei Hinsicht vorbildliches Land, sondern auch als der Ort, wo die Zukunft begonnen hatte, weil alles in Bewegung geraten war«, erinnert sie sich an den Umbruch, der zwar mehr als 2000 Kilometer entfernt stattfand, der aber einen ganzen Kontinent verändern sollte. Strukturwandel in Saarlouis Seine Auswirkungen konnte sie während ihres Deutschlandbesuches unmittelbar erleben. Zwar lag ihre Gastschule im Prämienprogramm tief im Westen – in Saarlouis. Die Wiedervereinigung war allerdings auch dort nicht spurlos vorübergegangen. Stadt und Region, die Jahrzehnte durch Kohle- und Stahlproduktion geprägt worden waren, vollzogen damals einen tief greifenden Strukturwandel. Eine Besonderheit war sicher auch, dass die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft, wie sie seit Mitte der 1980er-Jahre entstanden, zwischen Saarlouis und Eisenhüttenstadt begründet wurde. Besonders lebhaft sind Miriam Llamas Ubieto aber die Exkursionen in den internationalen Gruppen präsent, allen voran der einwöchige Besuch in Berlin mit seinen vielen Kontrasten im Stadtbild, das noch längst nicht zusammengewachsen war: »Für mich bedeutete das, meine Denkweise zu öffnen und nicht nur Deutschland, sondern auch Europa zu entdecken. Mein Horizont hat sich deutlich erweitert«, sagt sie heute. Die Reisen und das Land hätten sie dermaßen beeindruckt, »dass mir bewusst geworden ist, dass ich weiterhin Deutsch lernen und mit dem Land in Kontakt bleiben wollte«. So lag es nahe, dass sie nach der Schule Germanistik studierte. Anschließend folgten längere Aufenthalte erneut in Deutschland und auch in Österreich. 2001 dann wechselte sie an die Universidad Complutense de Madrid, wo sie inzwischen als Professorin deutsche Literatur und Kultur lehrt. In ihren Forschungen befasst sie sich unter anderem damit, in welchen Darstellungsformen »Kulturkontakte« und das Phänomen der »kulturellen Zirkulation« imaginiert und ausgedrückt werden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, wie hybride Textformen in einer digitalen Kultur sich auf Ästhetik und das Literarische auswirken. »Ohne meine Sprachkenntnisse wäre mein beruflicher Lebensweg mit Sicherheit ein ganz anderer gewesen«, sagt sie rückblickend. Und Jean Paul, das darf hinzugefügt werden, hätte eine Leserin weniger gefunden. nachgefragt bei Miriam Llamas Ubieto Warum sollten sich Studierende für ein Fach wie Germanistik entscheiden? Mit einer Fremdsprache verfügen wir über eine der besten Möglichkeiten, uns gedanklich weiterzuentwickeln und das Menschliche, das uns die Sprache erst verleiht, aus einer neuen Position zu erforschen. Und natürlich haben alle, die Deutsch können, auch berufliche Vorteile. Ihr Lieblingssprichwort? Da gibt es viele. Besonders gerne aber höre ich »Es kommt, wie es kommt«. Das klingt für mich weise und gleichzeitig sehr einfach. Vor allem aber passen hier Inhalt und Form gut zusammen. Welchen Tipp würden Sie künftigen Preisträgerinnen und Preisträgern zur Vorbereitung mit auf den Weg geben? Ich würde ihnen empfehlen, Neuem mit Sympathie, Begeisterung und Aufgeschlossenheit zu begegnen. Heutzutage mag alles ähnlich erscheinen. Das direkte Erleben aber ist, wenn man sich darauf einlässt, immer anders. Zur Person Heimatland Spanien Preisträgerin 1993 Heute Germanistin an der Complutense- Universität Madrid Mehr Geschichten über ehemalige Teilnehmer/-innen gibt es in unserem Jubiläumsblog zum 60-jährigen Bestehen des Preisträgerprogramms https://60jahrepraemienprogramm.blog 14

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