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Austausch bildet – Dezember 2018

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Schule und Unterricht sollen junge Menschen dazu befähigen, eine demokratische Gesellschaft mitzugestalten. "Demokratische Bildung fördern" - das ist im Rahmen von internationalen Austauschprojekten im Schulbereich möglich. Die Dezember-Ausgabe stellt gelungene Beispiele aus dem Bereich Erasmus+, eTwinning, PASCH und dem Weiterbildungsprogramm vor. Ein zweiter Schwerpunkt sind Zahlen und Hintergründe zum deutsch-französischen Austausch. Erfahrungen aus Deutschland Plus, dem Programm für Fremdsprachenassistenz und die Geschichte einer langjährigen GAPP-Schulpartnerschaft zwischen Saarland und Iowa runden das Heft ab.

Schwerpunkt

Schwerpunkt »Demokratische Bildung« 17 etwinning Die Kraft europäischer Werte Leute kennengelernt und etwas über Europa erfahren. Dass es überhaupt Menschenrechte gibt, in Diktaturen aber nicht, habe ich vorher nicht so genau gewusst. Toll war, dass wir den Stoff nicht trocken durchgenommen haben. Mit eTwinning war es einfach cool.« austausch bildet »Herit@age matters« hieß das Motto des eTwinning-Projekts an der Anne-Frank-Schule in Eschwege (Hessen). Es wollte vermitteln, dass kulturelles Erbe nicht allein aus architektonischen Meisterleistungen, beeindruckender Kunst und faszinierender Musik besteht, sondern auch menschliche Werte beinhaltet und so einen Beitrag zu demokratischer Bildung leistet. von iris ollech I mmer wenn Heidi Giese ihre Schule betritt, kommt sie am Porträt der Namensgeberin, Anne Frank, vorbei. Die Lehrerin betrachtet es als Verpflichtung und Herzensangelegenheit zugleich, ihre Schülerinnen und Schüler an das Schicksal des deutsch-jüdischen Mädchens in der Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern und sie zu ermutigen, für Offenheit, Toleranz und Menschenwürde einzutreten. Deshalb zögerte sie keinen Moment, als im Herbst 2017 eine Kollegin aus Portugal anfragte, ob sie sich anlässlich des europäischen Kulturerbejahres an einem eTwinning-Projekt mit dem Titel »Herit@age matters« beteiligen wolle. Im Mittelpunkt des Projekts sollten Werte stehen, auf denen das vereinte Europa aufbaut: Achtung der Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Auf ihrer Website formulierten die Projektpartner aus Belgien, Kroatien, Griechenland, der Republik Moldau, Portugal, Rumänien und Deutschland ihr Ziel: »Wir wollen unsere Schüler nicht nur praktisch bilden, sondern bessere Menschen aus ihnen machen.« Doch wie kann das im Rahmen einer zeitlich begrenzten Schulpartnerschaft gelingen? Heidi Giese meint: »Klar ist das ein großer Anspruch. Aber es fängt damit an, dass die Kinder sich differenziert mit einem Thema auseinandersetzen, statt in Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken.« Kolleginnen und Kollegen ins Boot geholt Heidi Giese, die an der integrierten Gesamtschule Französisch und Gesellschaftslehre unterrichtet, entschied sich bewusst, das Projekt für ihre Siebt- und Achtklässler nicht im Rahmen einer AG anzubieten, sondern in den Unterricht zu integrieren. Als überzeugte eTwinnerin wollte sie auch ihre Kolleginnen und Kollegen für das Programm begeistern. Mit Erfolg: Als die Partnerschulen anlässlich des Tages der Menschenrechte zu jedem der 30 Artikel der UN-Menschenrechtscharta eine Fliese, ein Stück Stoff oder Leinwand entwarfen und zusammensetzten, wurden die Anne-Frank-Schülerinnen und -Schüler von ihren Kunst- und Arbeitskundelehrern unterstützt. Dank ihrer kreativen Auseinandersetzung haben die Jugendlichen einen innovativen Zugang zu den Charta-Artikeln gefunden. Was sie mit dem Recht auf Bildung und Arbeit, Meinungs- und Religionsfreiheit, dem Recht auf Asyl oder dem Diskriminierungsverbot verbinden, darüber tauschten sich die Schülerinnen und Schüler über die Kommunikationsplattform TwinSpace und Facebook aus. Eine wertvolle Erfahrung, findet der 13-jährige Max: »Ich habe andere Helden als Vorbilder Im Magazin »Our Heroes«, an dem die Partnerschulen gemeinschaftlich arbeiteten, stellten Max und seine Mitschülerinnen und Mitschüler ihre Heldin vor, Sophie Scholl. Die Münchener Studentin, die 1943 als Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus hingerichtet wurde, verkörpert Werte wie Zivilcourage und den Mut, sich einem Unrechtsregime entgegenzustellen. »Mir hätte es eigentlich besser gefallen, wenn sie sich eine Heldin gesucht hätten, die näher an ihrer Lebenswirklichkeit ist, wie beispielsweise die Kinderrechtsaktivistin Malala«, erinnert sich Heidi Giese. »Aber ich habe ihre Entscheidung akzeptiert.« Denn dass nicht der Stärkere sich durchsetzt, sondern die beste Idee, genau das möchte sie ihren Schülerinnen und Schülern vermitteln. Auch wenn sich die jungen eTwinner in Video konferenzen treffen, hält sie sich zurück. »Früher habe ich mehr moderiert. Heute bin ich Zuschauerin und nicht mehr Orchesterchefin«, bilanziert sie. Bei manchen ihrer Projektpartner erlebt sie das anders: »In manchen Schulen in Osteuropa geben die Lehrkräfte den Ton an und lassen die Kinder weniger entscheiden«, sagt Heidi Giese. Unterschiede zu erkennen und zu respektieren, aber auch voneinander zu lernen, mache den multinationalen Austausch für sie so attraktiv. Für ihre Schülerinnen und Schüler wünscht sie sich: »Sie sollen erfahren, dass sie trotz unterschiedlicher Kulturen in einem vereinten Europa leben, in dem Demokratie die Basis bildet.« Erinnerung an Anne Frank Mit den grausamen Folgen totalitärer Herrschaft haben sich die Kinder anlässlich des »World Read Aloud Day« auseinandergesetzt. Sie lasen die Auszüge aus dem weltberühmten Tagebuch der Anne Frank laut vor und gaben dadurch dem Mädchen, das den Holocaust nicht überlebt hat, eine Stimme. Über 70 Jahre nach ihrem Tod 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen gewinnen Rechtspopulisten europaweit wieder an Einfluss. Das bestärkt Heidi Giese, dass Projekte wie »Herit@ age matters«, die Courage, Toleranz und Respekt fördern, wichtiger denn je sind. Und sie ist sich sicher, dass sie etwas bewirken. »Neulich haben wir im Unterricht über Vorurteile gegenüber Ausländern und Flüchtlingen gesprochen. Die Kinder meinten: ‚Das war doch wie bei der Anne‘. Sie haben verstanden, wohin Verblendung führen kann.« Heidi Gieses Verpflichtung und Herzensangelegenheit, ihre Schülerinnen und Schüler zu offenen, toleranten Menschen zu erziehen, scheint aufzugehen. — Die Autorin ist Journalistin in Bonn. Über das Projekt Programm eTwinning Projekttitel Herit@age matters Beteiligte Schulen Anne-Frank-Schule, Europaschule, Eschwege (Hessen) mit Partnern in sechs europäischen Ländern Laufzeit November 2017 bis Juni 2018 Kontakt Heidi Giese m h.giese@anne- frankschule-eschwege.de Weitere Informationen https://twinspace. etwinning.net/50844/ home 16

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