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Austausch bildet - Dezember 2021

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Das Magazin „Austausch bildet“ des PAD veröffentlicht Beiträge zur Praxis im internationalen Schulaustausch. "Inklusion, Teilhabe, Vielfalt" lautet das Motto der Dezemberausgabe, die zeigt, wie Schulen und Kitas europäischen Austausch inklusiver gestalten und an Erfahrungen anderer Schulen in Europa teilhaben können. Sie können das Heft kostenlos im PAD-Webshop bestellen oder abonnieren. www.kmk-pad.org/shop

austausch

austausch bildet raum: Eine Kultur lässt sich ja nicht abstrakt vermitteln. Viel wichtiger ist es, die eigene Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu rücken. Dazu bedarf es allerdings auch einer Anleitung durch einen Mentor. Denn einfach so trauen sich viele Fremdsprachenassistenzkräfte das vielleicht nicht zu. Waren die deutsche Teilungsgeschichte und Ihre Herkunft aus Ostdeutschland ein Thema? rudolph: Für die Schülerinnen und Schüler spielte das kaum eine Rolle, auch wenn wohl fast alle französischen Abiturienten den Film »Good bye, Lenin!« gesehen haben. Interesse gab es allerdings bei Deutschlehrkräften. Viele aus der Generation der 40- bis 50-Jährigen waren während ihres Studiums in Westdeutschland und hatten dort Freunde. Aus der ehemaligen DDR aber kannten sie niemanden. Sie haben mich deshalb auch gerne dazu herangezogen, um Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zu erläutern. raum: Das habe ich ähnlich erlebt. Von den französischen Germanisten waren nur wenige einmal im Osten. Ich habe deshalb versucht, die Lausitz, aus der ich komme, vorzustellen und zu Weihnachten Räuchermännchen mitgebracht. Dass eine Mathelehrerin mir erklärte, die würden stinken, hat mich damals hart getroffen. Aber so was muss man einstecken. Sind Sie in interkulturelle Fettnäpfchen getreten? raum: Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber natürlich gab es gelegentlich Missverständnisse. Ein permanenter Kulturschock in den ersten Wochen war für mich allerdings das französische Schulsystem: Die langen Schulstunden ohne Pausen dazwischen, der Massenbetrieb in den Kantinen, das Verhältnis der Lehrer und »Pions« zu den Schülerinnen und Schülern oder der distanzierte Schulleiter – auf der Wissensebene war mir das alles zwar bekannt. Es aber zu erleben, war etwas anderes. Mit einzelnen Deutschlehrkräften gab es auch Diskussionen über die pädagogische Haltung, die dem zugrunde lag. Ich denke, heute würde ich stärker über den Dingen stehen. Was haben Sie persönlich für sich und Ihre Profession gelernt? rudolph: Zum einen habe ich enorm an Selbstsicherheit gewonnen. Ein halbes Jahr lang zwölf Stunden jede Woche vor Schulklassen zu stehen und Unterricht auszuprobieren, das kann man in keinem Schulpraktikum lernen. Zum anderen ist mein Interesse am Fremdsprachenunterricht und seinen Methoden gewachsen. Das hat mich schließlich auch an die Universität geführt. Um ein Beispiel zu nennen: Der Fremdsprachenunterricht in Frankreich ist sehr lehrerzentriert. Das bedeutet natürlich nicht, dass er schlecht ist. Aber er unterscheidet sich von dem, was wir aus Deutschland kennen. Partnerarbeit etwa, wie sie für das dialogische Sprechen sinnvoll ist, kam in Frankreich nicht vor. Deutsch-Französischer Tag 2022 Der Deutsch-Französische Tag am 22. Januar ist ein guter Anlass, sich mit der Sprache und Kultur unserer Nachbarn zu befassen. Denn so gut eine Unterrichtsstunde zu Grammatik und Vokabeln auch vorbereitet sein mag: Gerade der direkte Kontakt der Schülerinnen und Schüler in alltäglichen Gesprächssituationen wirkt besonders motivierend. Das bestätigt auch Alexandra Link-Lichius, die an der Grundschule Iffeldorf in Oberbayern Französisch unterrichtet. Besonders am Herzen liegt ihr deshalb der seit über 30 Jahren bestehende Austausch mit der École publique Le Plessis in Châteaubourg (Ille-et-Vilaine). »Europa bedeutet für unsere Kinder, sich zwei Grundschuljahre lang auf den Schüleraustausch zu freuen, um dann in der dritten oder vierten Klasse eine Woche lang in einer bretonischen Familie zu leben, unser Nachbarland kennenzulernen und dort Freunde zu finden«, sagt sie. Im vergangenen Jahr haben sich beide Schulen an den #ErasmusDays beteiligt und die Schülerinnen und Schüler gefragt, was Europa für sie bedeutet. Ihre Antworten stehen in den Sternensymbolen, die unseren Kontinent verbinden: Frieden, Freiheit, Freundschaft und Bildung. 44

Fremdsprachenassistenzprogramm 45 raum: Dazu kommen die Erfahrungen aus dem Alltagsleben – sei es durch den sicheren Umgang beim Einkaufen oder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, sei es durch das landeskundliche Wissen. Daraus ist eine emotionale Verbundenheit erwachsen, die man nicht durch ein Seminar an der Universität erzeugen kann. Gerade eine solche Bindung aber ist für Fremdsprachenlehrkräfte wichtig. rudolph: Als Fremdsprachenassistent war ich nicht irgendein Gast, der mal kommt und mal geht, sondern habe richtig dazugehört.. Ich hatte eine französische Sozialversicherungsnummer und Krankenkarte. Der Hausmeister hat mich gegrüßt wie meine Kolleginnen und Kollegen. Und wie selbstverständlich konnte ich ins Lehrerzimmer gehen und dort arbeiten. raum: Wenn ich heute auf die Zeit zurückblicke, verdanke ich Fontainebleau die lehrreichste didaktisch-methodische Erfahrung während meines Studiums. Mit meiner Mentorin am Collège habe ich damals im Teamteaching unterrichtet und war begeistert davon, wie sie die Schülerinnen und Schüler zum Sprechen bringt. Davon habe ich versucht, mir eine Scheibe abzuschneiden. Sie beide engagieren sich im Vorstand von »REVE« für das Fremdsprachenassistenzprogramm. Welche Träume haben Sie für die Zukunft des Vereins? raum: Auf einer Veranstaltung zum 50. Geburtstag von »REVE«, der damals noch Carolus-Magnus-Kreis hieß, kam ich mit einem früheren Französischlehrer ins Gespräch, der 1968 Fremdsprachenassistent an der gleichen Schule in Fontainebleau gewesen ist. Seine damals junge Betreuerin war jene Deutschlehrerin, die ich 2002/03 kurz vor ihrer Pensionierung kennenlernte. Da sagte ich mir: Ein Verein, der solche Begegnungen ermöglicht, den unterstütze ich. Denn das ist unser Motto: Menschen in Kontakt zu bringen, die sich sonst wohl nie getroffen hätten. rudolph: Zu der Alumni-Arbeit kommt ein zweiter Aspekt: »REVE« bringt Menschen zusammen, die Freude und Interesse daran haben, den deutsch-französischen Austausch mit der Fremdsprachendidaktik zu verbinden. raum: Insofern verstehen wir uns in einem kleinen Maßstab auch als ein »producteur d’avenir«: Wir wollen Studierende unterstützen, die am Programm teilnehmen und später einmal Französisch unterrichten wollen. Wir wollen aber auch gemeinsam mit der Fachwissenschaft den Französischunterricht weiterentwickeln und dazu, frei von institutionellen Zwängen, den einen oder anderen Impuls setzen. rudolph: Und schließlich wollen wir für die aktuellen Fremdsprachenassistenzkräfte aus beiden Ländern Ansprechpartner sein, indem wir ihren Kontakt untereinander fördern, ihnen Ideen für den Unterricht an die Hand geben oder Hilfe anbieten, wenn es einmal Probleme gibt. Ein Angebot dazu ist unser monatliches Onlinetreffen. Weitere Informationen zu »Réunir l’Europe – Europa Verbinden« (REVE) www.europaverbinden.de Zu den Personen Kristian Raum, Jahrgang 1979, leitet das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna und hat einige Jahre als Lehrer im Hochschuldienst an der TU Dresden angehende Französischlehrkräfte ausgebildet. 2002/03 war er Fremdsprachenassistent in Fontainebleau. Tom Rudolph, Jahrgang 1994, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Didaktik der romanischen Sprachen an der Universität Osnabrück. 2015/16 war er Fremdsprachenassistent an verschiedenen Schulen in der Region Savoyen. Beide engagieren sich im Verein »REVE« für den deutsch-französischen Austausch von Fremdsprachenassistenzkräften.

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