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Austausch bildet Juni 2017

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Die Zeitschrift "Austausch bildet" erscheint zwei Mal jährlich (Mai und November) und berichtet über den europäischen und internationalen Austausch im Schulbereich. Schwerpunkte vertiefen einzelne Programme oder Themen. Der Bezug der Zeitschrift ist kostenlos.

Erfahrungen 33 austausch

Erfahrungen 33 austausch bildet weiterbildungsprogramm Frühstückspause, Hausschuhe und Projektarbeit Auf den ersten Blick haben die beiden Frauen wenig gemeinsam, die bei der Alumni-Tagung des Weiterbildungsprogramms aufeinandertreffen. Die eine ist Südamerikanerin, Osteuropäerin die andere. Was sie verbindet, kommt ans Licht, sobald die beiden ein Klassenzimmer betreten. von barbara beyer, pad I m chilenischen Valparaíso ist das Wetter ganzjährig mild. Palmen an der Strandpromenade sorgen für eine südländische Atmosphäre. Europäer assoziieren das Flair oft mit sommerlichen Urlaubsgefühlen. Nicht von ungefähr trägt die Stadt den Namen »Tal des Paradieses«. Hier wohnt Bettina Andrea Cabello Soro. Im ukrainischen Lwiw hingegen ist der Winter lang und kalt. Es fällt viel Schnee. Prachtgebäude aus vergangenen Zeiten prägen das Stadtbild. Wer hier durch die Straßen geht, spürt die geschichtsträchtige Vergangenheit der ehemals zur Habsburgermonarchie gehörenden Stadt. In Lwiw ist Oksana Shumylo aufgewachsen. Würden beide Frauen in die Heimat der jeweils anderen umziehen, sie müssten sich arg umgewöhnen in ihrer Lebensführung – bis auf eine Ausnahme. Bettina Andrea Cabello Soro und Oksana Shumylo wären problemlos in der Lage, von jetzt auf gleich ihre Arbeitsplätze zu tauschen. Denn sobald die beiden Lehrerinnen für Deutsch als Fremdsprache ihre Klassenräume betreten, tauchen sie mit den Kindern ein in die deutsche Sprache und Kultur. Beide sprechen in ihren Klassenräumen mit den Schülerinnen und Schülern so viel Deutsch, dass ihre Muttersprache kaum ins Gewicht fällt. Und mehr noch: Beide Lehrerinnen präsentieren ihren Schülerinnen und Schülern im Unterricht ein Stück authentisches Deutschland. Damit ihnen das noch besser gelingt, haben sie vor einigen Jahren am Weiterbildungsprogramm des PAD teilgenommen. Brotdose auspacken und Pause einlegen Ein Jahr lang haben sie an einer Schule hospitiert, die Unterrichtskultur hierzulande erlebt und ihr Repertoire an didaktischen und methodischen Kenntnissen erweitert. Seither ziehen die chilenischen Grundschüler/-innen von Bettina Andrea Cabello Soro nach dem Vorbild deutscher Grundschulen im Klassenzimmer Hausschuhe an und machen jeden Morgen eine Frühstückspause. Beide Rituale hat die 30-jährige Chilenin an der Schule Vollmarshausen (Hessen) kennengelernt. Seither heißt es jeden Morgen in Valparaíso: Brotdose auspacken – Pause machen! Auch in der Ukraine zeigt der Blick ins Klassenzimmer ein für die dortige Unterrichtskultur ungewöhnliches Bild: Die Schüler/ -innen arbeiten, je nach Interessen und Kenntnissen, selbstständig an unterschiedlichen Projekten. Die Lehrerin ist beratend zwischen den Tischen unterwegs. Mal hilft sie beim Wortschatz, mal erklärt sie eine grammatische Struktur, hin und wieder gibt sie Tipps, die die Entwicklung der Projekte betreffen. Die ukrainischen Schüler/-innen von Oksana Shumylo sind inzwischen Profis in freier Projektarbeit, eine Unterrichtsform, die die Lehrerin an ihrer Gastschule in Heidelberg schätzen gelernt hat. Mit großer Selbstverständlichkeit sprechen die Schüler/ -innen auch untereinander Deutsch. Die Weiterentwicklung des Unterrichtsstils der 28-Jährigen ist nicht nur zu sehen, sondern auch akustisch wahrzunehmen: Der Sprechanteil der ukrainischen Schüler/ -innen im Deutschunterricht war bereits vor dem Auslandsjahr der Lehrerin mit einem geschätzten Anteil von 50 Prozent hoch. Schon damals legte die ambitionierte Lehrerin großen Wert auf die sprachliche Handlungskompetenz. Heute kennt Oksana Shumylo weitere Tricks, um die Jugendlichen durch aktuelle Themen zum Sprechen der Fremdsprache zu bringen. »Inzwischen liegt der Sprechanteil bei etwa 80 Prozent«, sagt sie. »In Deutschland habe ich gelernt, dass man auf die kommunikative Kompetenz der Lernenden sehr viel Wert legen sollte. Außerdem berücksichtige ich in meinem Unterricht auch die individuelle Förderung und das Prinzip der Lernerautonomie. In Heidelberg überzeugte mich, dass die Schülerinnen und Schüler selbstständig arbeiten.« Neue Wege im Unterricht Beide Lehrerinnen gehen seit ihrer Weiterbildung in Deutschland mit der Beachtung moderner Prinzipien des Fremdsprachenlernens, wie sie auch im »Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen« festgehalten sind, in ihrem Unterricht neue Wege. Oft sind die Stunden in anderen Fächern geprägt von Frontalunterricht, Auswendiglernen und dem Bedürfnis, möglichst keine Fehler zu machen. Dass Bettina Andrea Cabello Soro und Oksana Shumylo einen anderen Stil wagen, liegt an ihren Schulformen. Beide sind Lehrerinnen an Bildungseinrichtungen, die einen besonderen Schwerpunkt auf Deutsch als Fremdsprache legen. Bettina Andrea Cabello Soro unterrichtet an einer Deutschen Auslandsschule. Von den etwa 30 Deutschlehrkräften sind rund zehn Muttersprachler. Deutsch wird bereits im Kindergarten der Schule gesprochen und anschließend kontinuierlich unterrichtet. Die überwiegend nicht muttersprachlichen Schüler/-innen benutzen auch in anderen Fächern die deutsche Sprache. Oksana Shumylo ist an einer Schule, die vor fast 200 Jahren als Kaiserlich-König- liches Gymnasium im damaligen Lemberg gegründet wurde. Heute ist es ein ukrainisches Gymnasium mit erweitertem Deutschprofil. Auch hier gibt es kaum deutsche muttersprachliche Kinder. Ein anderer Grund für die moderne Ausrichtung des fremdsprachlichen Unterrichts der beiden Lehrerinnen liegt in den Erfahrungen begründet, die beide während ihrer Weiterbildung an Schulen in Deutschland gemacht haben. Hier haben sie neue Methoden kennengelernt und erlebt, wie sich verschiedene Sozialformen gewinnbringend im Unterricht einsetzen lassen. Sie haben individuelle Förderung im Unterricht beobachtet und selbst ausprobiert sowie während der Weiterbildung ein mehrwöchiges Projekt durchgeführt und die Ergebnisse evaluiert. Damit sie ihre Arbeit im internationalen Vergleich kritisch prüfen können, hat der PAD sie im Oktober 2016 mit weiteren Alumni zu einem Treffen nach Bonn eingeladen. Hier trafen sich erfahrene Deutschlehrerinnen wie Bettina Andrea Cabello Soro und Oksana Shumylo mit Kolleginnen und Kollegen, die an Schulen auf der ganzen Welt die deutsche Sprache lehren. Sie berichteten von ihrem Unterricht, diskutierten ihre Methoden – und nahmen nochmals neue Impulse für ihren eigenen Unterricht in ihre Heimatländer mit. »Ich möchte mich nicht ausruhen, sondern immer auf dem aktuellen Stand bleiben«, sagt Oksana Shumylo. Für sie und für ihre Schüler/-innen haben sich die neuen Eindrücke jetzt schon gelohnt. Kamen als Alumni des Weiterbildungsprogramms erneut nach Bonn: Bettina Andrea Cabello Soro (li) aus Chile und Oksana Shumylo (re.) aus der Ukraine. 32

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